[Rezension] Stefan Bachmann: Die Wedernoch

Auf Stefan Bachmann bin ich letztes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse aufmerksam geworden, als ich dem Stand des Diogenes Verlags einen Besuch abstattete. Die Cover stachen mir einfach sofort ins Auge! Ein kräftiges Rot und Blau gepaart mit gelber Schrift und einer einfachen Zeichnung waren einfach die Hingucker zwischen den ansonsten Diogenes Typisch sehr schlicht gehaltenen Einbänden. Kaum Zuhause, habe ich mir gleich den ersten Band Die Seltsamen gekauft, und mit großen Erwartungen stürzte ich mich auf den Nachfolger.

Worum geht es in Die Wedernoch?

Es sind ein paar Jahre vergangen, seit Mr. Lickerish mit der Öffnung eines Portals die Elfen nach London holen wollte und damit auch London dem Erdboden gleichgemacht hätte. Bartholomew konnte zwar die Stadt und ihre Einwohner retten, aber nicht seine Schwester. Sie befindet sich seitdem auf der anderen Seite und reist mit dem Feenbutler durch die Welt der Feen, in der die Zeit viel langsamer vergeht.
Währenddessen schlägt sich der Straßenjunge Pikey durch ein sich verändertes England, in dem die Feen aus den Städten verbannt wurden und der Konflikt langsam vor sich hin schwelt. Und noch ahnt Pikey nicht, dass er zu einer der wichtigsten Figuren dieses Konflikts werden soll.

Und wie hat mir das Buch gefallen?

(Achtung: Spoiler Alert!) Ganz unerwartet führt Bachmann mit dem Straßenjungen Pikey eine neue Hauptfigur in die Geschichte ein und lässt ihn gleich im Zentrum der Handlung stehen. Während ich mich am Anfang noch gefragt habe, was aus Bartholomew und den anderen geworden ist, konnte mich die Geschichte doch wieder sehr schnell in ihren Bann ziehen. Was aber nicht an der Figur des Pikey lag, sondern an dem zweiten Erzählstrang um Hettie und den Feenbutler. Denn so sympathisch ich Bartholomew im ersten Teil mit seinen Hoffnungen und Träumen fand, so sehr wirkt Pikey auf mich doch wie ein etwas einfältigerer Abklatsch. Da ist z.B. der Abschnitt, in dem er von einer Fee einen kostbaren Diamanten erhält. Und was macht er als erstes? Marschiert in ein Juweliergeschäft und möchte ihn dort verkaufen. Bachmann schafft es zwar einem seine Träume und Hoffnungen näher zu bringen. Doch für einen Jungen, der auf der Straße aufgewachsen ist, ist das eine für mich als Leser nicht ganz nachvollziehbare Handlung. Und davon gibt es leider mehrere.
Dafür nimmt die Geschichte an Fahrt auf, als er auf Bartholomew trifft. Und genau hier sehe ich auch Parallelen zu Harry Potter, mit dem die Bücher gerne verglichen werden. Ähnlich wie die Romane von J.K. Rowling lebt auch Die Wedernoch stellenweise stark vom Prinzip Zufall. Was wäre passiert, wenn Pikey nicht zufällig im Gefängnis auf Bartholomew getroffen wäre? Wie hätte er dann die Handlung vorangebracht?
Ach, und Bartholomew. Ich habe ihn im ersten Augenblick nicht wieder erkannt. Er ist in den letzten Jahren unglaublich gereift und hat sich zu einem furchtlosen Helden entwickelt. Das wirkt sich auf positiv auf Pikey aus, da seine Handlungen jetzt auf mich als Leser sehr viel logischer wirken. Ein übrigens interessanter Kniff, den Helden des vorherigen Teils jetzt als Mentor eines neuen Helden auftreten zu lassen.

Der interessanteste Teil der Geschichte ist aber der mit Hettie in der Welt der Feen. Und wie toll und stimmig sie gezeichnet ist! Bachmann beschreibt mit sehr viel Phantasie eine interessante und zugleich gefährliche Welt, in der man als Leser förmlich spürt wie selbst der kleinste Winkel von Magie durchzogen ist.
Das Anwesen von Lady Piscaltine erinnert mich an eine Mischung aus Alice im Wunderland und Hogwarts. Ein sehr skurriler Ort, an dem Flure zu Treppenhäusern werden und man einfach nicht weiß, was einem hinter der nächsten Ecke erwartet. Was daran liegt, dass eigentlich nichts echt ist. Die Wände und Räume sind zum Großteil nur Dekorationen, die passend zur Stimmung der Herzogin umgebaut werden. Eine sehr schöner Seitenhieb auf das Schein und Sein in den einzelnen Gesellschaftsschichten. Auch wenn man Piscaltine nicht vertrauen darf, ich habe sie doch irgendwie ins Herz geschlossen. Ja, sie ist eine grausame Fee und dem Leser gibt sie genug Gründe sie zu hassen. Aber sie ist auch ein einsames Wesen, die wie ein verwöhntes Kind durch die Welt schreitet, Angst vor Veränderungen hat und sehr einsam ist. Ich habe mich dabei ertappt, wie ich Mitleid für sie entwickelte.
Und dann ist da noch der schlaue König, der alle Feen mehr oder weniger Freiwillig zu seinen Untertanen gemacht hat und die Welt der Menschen erobern möchte. Seine Beweggründe bleiben zwar unbekannt, aber es ist doch eine sehr komplexe und spannende Figur.

Fazit

Am Anfang konnte ich mit der Figur des Pikey nicht viel Anfangen. Sie ist anfänglich überhaupt nicht in den Kontext der Hauptgeschichte eingebunden, weshalb ich mich oft fragte was das denn mit der eigentlichen Geschichte zu tun hat. Aber Stefan Bachmann hat einen unglaublich bildhaften und detailreichen Schreibstil. Und so entwickelt die Geschichte sehr schnell wieder diesen unglaublichen Sog, der wie beim Vorgänger dafür sorgte das ich das Buch am liebsten gar nicht mehr aus der Hand legen wollte. Trotz einiger Schwächen hat mir das Buch insgesamt sehr gut gefallen, und ich freue mich bereits auf den Nachfolger.

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